|
||||||||||||||||||
| ISBN: 3423050012 ISBN: 3423050012 ISBN: 3423050012 ISBN: 3423050012 | ||||||||||||||||||
|
|
Wir empfehlen: | |||||||||||||||||
Das Märchen von Fanferlieschen SchönefüßchenEs war einmal ein König, der hieß Jerum, und sein Land hieß Skandalia, und er regierte in der Stadt Besserdich. Dieser Jerum war gar nicht viel wert, er quälte seine armen Untertanen bis aufs Blut, so daß sie jahraus, jahrein schrien. "O Jerum, o Jerum, sieh auf Skandalia und besser dich!" Er wirtschaftete aber immer drauflos und war ganz das Gegenteil seines verstorbenen Vaters, dessen Sterbetag die Bürger von Besserdich jährlich mit großer Traurigkeit feierten. Vor diesem Tage ritt der böse Jerum immer mit seinem ganzen Hofstaat nach einem fernen Jagdschloß Munkelwust, um nicht die Liebe seiner Untertanen zu seinem seligen Vater zu sehen. Als er nun einstens mit unanständigem Hörnergeblase und Peitschengeknall am Tag vor dem Trauerfest der Stadt hinauszog, sah er nah an dem Tore vor einem kleinen Hause eine alte Frau ihre Ziege kämmen. Da nahm er seinen Bogen und legte einen Pfeil auf und verwundete der alten Frau die Ziege. Die Alte ergrimmte sehr und schrie ihm nach: "O Jerum, o Jerum,meine Ziege geschossen. O Jerum, o Jerum, dir selbst zum Possen; sie ist ein armes Waiselein, wird Königin im Lande sein." Jerum bekümmerte sich nicht um das Geschrei der Alten und sprengte im Galopp zur Stadt hinaus. Die Alte hieß Fanferlieschen und war eine außerordentlich kluge Hexe; bei dem verstorbenen Vater des König Jerum hatte sie sehr viel gegolten; sie hatte damals große Macht in Händen und dem Lande viel Gutes getan. Wenn der alte König einen Minister oder General oder Gelehrten haben wollte, so ging er nur zu Fanferlieschen, die damals sehr schön war, und sprach nur: "Fanferlieschenhat schöne Füßchen, nicht zu lang, nicht zu kurz; schüttle mir aus deinem Schurz einen guten Staatsminister!" "Herr, da ist er!" sprach sie dann und schüttelte ihn aus der Schürze. So hatte sie dem König viele geschickte Leute verschafft. Aber als der Jerum an die Regierung kam, wurde Fanferlieschen vertrieben, ja er ließ ihr ein großes Loch von seinen Jagdhunden in die Schürze reißen und mißhandelte sie auf alle Weise. Da zog Fanferlieschen in ein kleines Haus in der Vorstadt und mästete Vieh und Geflügel, und man wunderte sich über gar nichts, als daß sie niemals einen Ochsen oder Esel oder ein Pferd oder einen Puthahn oder sonst etwas verkaufte. Aber oft hörte man sie in der Nacht, wenn alles ganz still war, sehr ernsthafte Staatsgespräche mit ihrem Vieh halten, und lautete es nicht anders, als wenn die größten Professoren bei ihr versammelt wären, so daß es ordentlich in der ganzen Stadt ein Sprichwort war, wenn einer von den Hofleuten des König Jerum einen übeln oder dummen Streich machte, zu sagen: "Dieses Rindvieh hat nicht bei dem Fanferlieschen studiert!" qui nobis dedit Hirsenmus.' Da kam der Herr von Neuntöter und brachte Zucker und Zimmet vom Jerum, welches der König immer sonst selbst drauf zu streuen pflegte. Aber es war dieses Mal Rattengift. Als der Neuntöter sich dem Musbecken nahte, sah ich auf einmal den Geist des verstorbenen Laudamus ihm entgegentreten; er sagte: 'Wenn der Jerum nicht selbst den Kindern Zucker und Zimmet bringen will, so will ich es tun. Fliege hin, du Neuntöter!' Damit schlug er dem Kammerherrn erst die Zuckertüte und dann die Zimmettüte um die Ohren, und sieh da, er flog in einen Neuntöter verwandelt davon. Nun kam der König Laudamus zu mir und sprach: 'FanferlieschenSchönefüßchen, pfleg und zieh die Kinderlein, bis sie wieder Menschen sein.' Nun streute er selbst Zucker und Zimmet auf das Mus und verschwand. Die Kinder hatten alle das gesehen und sangen wieder. 'Te regem laudamus,qui nobis dedit Hirsenmus.' Und nun fuhr jedes mit seinem silbernen Löffel in das Hirsenmus. Kaum aber hatten sie einen Löffel voll gegessen, als sie sich alle in Tiere verwandelten. Die Ziegesar in Ziegen, die Ochsenstierna in Ochsen, die Rindsmaul in Rinder, die Schimmelpennink in Schimmel, die Rabenhorst in Raben, die Boxberg in Böcke, die Putlitz in Puthahne, die Hühnerbein in Hühner, die Rothenhahn in Hähne und so ein jedes Kind nach dem Familiennamen in ein Tier dieses Namens. Ich führte nun diese ganze Herde in den nahe gelegenen Wald in eine große Höhle und ging wieder in die Stadt. Da hörte ich, wie der König Jerum glaubte, der Kammerherr von Neuntöter sei mit den Kindern, statt sie umzubringen, in die weite Welt gelaufen, und daß Jerum Boten ausgesendet habe, ihn aufzusuchen. Als er mich nach den Kindern fragte, sagte ich ihm: 'Der liebe Gott wird sich ihrer erbarmen.' Weiter sagte ich ihm nichts. Er ward sehr zornig auf mich, und weil er mir das Leben nicht nehmen konnte, so nahm er mir doch alles, was mir Laudamus geschenkt hatte, so daß mir nichts blieb als das Haus und der Hof und Garten meiner Eltern am Tore. Nachts führte ich nun die ganze verwandelte Herde aus dem Wald in mein Haus und habe sie bis jetzt immer in allen standesmäßigen Wissenschaften unterrichtet. Sie sind bereits alle erwachsen, und jeder wird seiner Familie Ehre machen. Ach, Fräulein Ziegesar war vor allen ein Engel, sie tanzt alles vom Blatt weg und singt wie der größte Tanzmeister, sie webt und stickt wie eine perfekte Köchin und kocht und backt wie die größte Stickerin, sie macht Gedichte wie ein Sprachmeister und spricht alle Sprachen wie ein Dichter, kurz, sie ist eine der vollkommensten Fräulein der Welt; und diese hat mir der grausame Jerum mit einem Pfeile durch das linke Ohrläppchen geschossen. Nein, länger wollen wir diese Schmach nicht mehr erdulden, übergebet einem andern die Krone, denn Jerum denket doch nur an seine Laster und niemals an Besserdich." So hatte Fanferlieschen gesprochen. Alles hatte mit der größten Spannung zugehört, und der älteste Bürger sagte: "Du erzählst uns sehr merkwürdige Geschichten, aber, wenn wir auch einen andern König wählen, wo kriegen wir dann gleich alle die nötigen Minister und Hofkavaliere her, welche alle mit Jerum ausgereist sind? Deine Schürze, aus welcher du sie sonst schütteltest, hat ein Loch, und wird jeder durchfallen." Nun sprach Fanferlieschen zu dem Pudel, der die Schürze trug: "Herr von Pudelbeißmichnit,schwenk die Fahn, vivat Laudamus! Es ist getan." Da schwenkte der Pudel die Fahne und verwandelte sich zugleich in den schönsten Fahnenjunker, und alles anwesende Horn-, Wollen- und Federvieh verwandelte sich in die hoffnungsvollsten Ritter und Fräulein, und sie öffnete die Portechaise, und die Prinzessin Ziegesar mit dem verwundeten Ohrläppchen trat heraus und umarmte Fanferlieschen, und alle die verwandelten Ritter und Fräulein schrien laut: "Oramus Laudamus!Fanferlieschen Schönefüßchen soll regieren und florieren." Da rief die ganze Versammlung dasselbe, und sie nahmen Fanferlieschen und setzten sie in die Portechaise und trugen sie in das Schloß, und alles war richtig, sie mußte Königin sein. Fanferlieschen aber machte nun aus allen ihren Zöglingen vornehme Leute; der Herr von Ochsenstierna wurde Minister des Ackerbaus, der Herr von Rindsmaul wurde Erz-Heumarschall, der Herr von Riedesel Generalobermühlenrat, der Herr von Rothenhahn wurde Direktor der Feuersbrunst und Hofwetterminister, und so hatte ein jeder seine Stelle nach seinen Qualitäten. Die Prinzessin Ziegesar ward allgemein verehrt, und allgemein bekanntgemacht, wer ihr Gemahl werden würde, der sollte nicht nur ihr Fürstentum Buxtehude, sondern auch einstens das ganze Königreich Skandalia mit ihr erhalten. So ging nun alles herrlich in der Stadt, aber der König Jerum kriegte einen großen Schrecken, als die Fanferlieschen ihm einen Brief nach dem Jagdschloß Munkelwust schickte, worin drin stand, daß er abgesetzt sei und sich nicht mehr dürfe in der Stadt sehen lassen, sonst wolle man ihm den Kopf zwischen die Ohren stecken. Wenn er aber sein Leben ändern, Witwen und Waisen das Ihrige zurückgeben und de- und wehmütig in die Stadt Besserdich zurückkehren wolle, so solle er vor allem eine fromme Gemahlin nehmen; die frömmste wäre die Prinzessin Ziegesar von Buxtehude. Hernach wolle man sehen, ob man ihn wieder zum König aufnehmen könne. Diesen Brief schickte ihm Fanferlieschen durch den Hofschäfer Mopsus, und Jerum wurde so zornig darüber, daß er dem armen Mopsus die Ohren abschneiden ließ und ihm die Nase breitschlug; und zu dessen Andenken tragen sich bis jetzt alle Mopse so. Sag mir doch, wann die Jungfer Fanferlieschen Schönefüßchen sterben wird? Wann ich komme nach Besserdich?" Da fing der Pumpelirio an zu knacken wie nasses Holz im Ofen und sprach mit schnurrender Stimme: "Fanferlieschen blind,Ursulus das Kind geschwind wie der Wind Besserdich gewinnt." Jerum wußte nicht, was das heißen sollte, er bat sich eine Erklärung aus, aber Pumpelirio sprach: "Für einen Mordnur ein Wort; morgen ist auch ein Tag zu Mord und Totschlag." Am nächsten Morgen sagte Jerum, er habe seine Braut nach Haus geschickt, weil sie nicht fromm genug gewesen sei, und suchte sich eine andere Jungfrau und heiratete sie wieder und brachte sie wieder um vor dem Pumpelirio Holzebock und fragte ihn wieder. Der sagte aber immer dasselbe, und Jerum brachte immer mehr Fräulein um, bis sie endlich seine Grausamkeit merkten und entflohen. Als die guten Leute in Bärwalde hörten, daß ihr Fräulein Ursula bei der Fanferlieschen lebe, gingen viele nach Besserdich, um die liebe Tochter ihres verstorbenen Fürsten zu sehen. Sie küßten ihr die Hände und Füße und klagten ihr das Elend, in dem sie durch den Jerum lebten, und wünschten nichts mehr, als daß Ursula bei ihnen sein und sie regieren möge. Wein dir nur die Äuglein rot; Ursulus, Ursulus, gutes Kind, macht das Fanferlieschen blind; Ursulus, Ursula, Ursulum, bin ich blind, so komm ich um. Schau dich um, ich bitt dich drum." Dann umarmten sie sich und weinten miteinander bitterlich, und Ursula zog mit dem Boten zum Tor hinaus zu dem König Jerum. Fanferlieschen aber stand auf dem Schloßturm und sah ihre liebe Ursula in ihrem weißen Hochzeitskleid fort über die grünen Wiesen ziehen; und sooft Ursula sich nach Besserdich umsah und mit ihrem weißen Tüchlein winkte und sich die Augen trocknete, mußte der Fahnenjunker Pudelbeißmichnit die schwarze zerrissene Schürzenfahne auf dem Turm schwenken, wozu Fanferlieschen immer sang: "Ursula, Ursula, große Not!Wein dir nur die Äuglein rot; Ursulus, Ursulus, gutes Kind, macht das Fanferlieschen blind; Ursulus, Ursula, Ursulum, bin ich blind, so komm ich um. Schau dich um, ich bitt dich drum." Dazu bliesen die Türmer eine sehr betrübte Melodie auf den Posaunen, und dies währte so lange, bis ein Wald die Ursula und den Boten des Jerum verbarg. Sind wir bald in Munkelwust?" Da sagte der Bote: "In der Schlucht liegt Munkelwust,hier am Baum du warten mußt bei dem Pumpelirio; Jerum macht es immer so. Setz dich an die Felsenstufen, ich will dir den Bräutigam rufen." Und da verließ er die Ursula unter einem großen dürren Baum, wo der böse Pumpelirio Holzebock auf einem Felsen stand, und lief nach dem Tale hinunter. Ursula war in der entsetzlichsten Angst; die Nacht brach an, die Eulen schrien auf dem dürren Baum; der Mond ging blutrot hinter dem Pumpelirio Holzebock auf. Ursula war sehr müd und setzte sich ins Gras und begann bitterlich zu weinen. Da hörte sie wieder den traurigen Gesang, und es kam immer näher und näher durch den Nebel, und sie sah eine Reihe von weißen Jungfrauen auf den Platz ziehen. Sie hatten Brautkränze auf und waren alle ganz bleich, und in der Brust hatte jede ein Messer stecken, daß das Blut über ihre weißen Röcklein niederfloß. Sie zogen über die Grasspitzen weg, als wären sie von Luft, und sangen mit feiner Stimme: "Willkommen, willkommen, du Jerum Braut!Ein Messer ins Herz, das heißt getraut. Ach, ohne Kreuz und Segen liegen im Schnee und Regen bald hier deine Beinelein im Sonnen- und im Mondenschein. Im Baum da schreien die Raben. Ach, wäre ich doch ehrlich begraben!" Ursula war in der fürchterlichsten Angst und riß vor Bangigkeit das Gras aus der Erde; da schrie auf einmal eine der weißen Jungfrauen sie an: "O weh! o weh!Was raufst du meinen Kranz, morgen mußt du auch an den Tanz!" Da sprang Ursula auf und wollte fliehen, aber sie fiel über einen Hügel; da schrie eine andere sie an: "O weh! o weh! Was trittst du auf mein Herz,morgen leidest du denselben Schmerz." So ging das immerfort; sie mochte fliehen nach welcher Seite sie wollte, immer trat ihr eine jener Jungfrauen in den Weg und schrie bald: "O weh mein Arm, o weh mein Bein, o weh mein Leib", usw. Da stand Ursula endlich still und fragte: "Oh, ihr armen Jungfrauen, wer seid ihr und was wollt ihr von mir?" Da sangen sie: "Jerums Frauen von gesternsind wir, Messerschwestern, Jerums Weib von heute: Morgen gehst du uns zur Seite. Bete fleißig, denn gar oft kömmt das Messer unverhofft. Im Baume schreien die Raben; ach, wären wir ehrlich begraben. Fort von hier, von hierio weit vom Pumpelirio, weit vom Holzebocke hübsch mit Kreuz und Glocke; mit Gesang und Posaunenspiel, gibt uns Ruh und kost' nicht viel." Da antwortete ihnen Ursula: "Ach, wenn es mir möglich ist, sollt ihr gewiß begraben werden: Unter zarten Blumenrasen,in dem Schatten grüner Linden, wo die frommen Lämmer grasen, sollt ihr euer Bettlein finden. Und ein kühler Marmorbronnen soll da bei der Linde springen, an jed' Bettlein hingeronnen kühlen Born wohl jeder bringen, daß ihr könnt die heißen Schmerzen eurer schreinden Wunden kühlen, und das Blut zerrißner Herzen von dem weißen Schleier spülen. Ach! Wenn Gott euch wird erwecken, sollt ihr für den Mörder bitten! Ringsum blühen Rosenhecken, und ein Kreuz steht in der Mitten. Will der Herr mein Blut auch haben, soll man zu des Kreuzes Füßen, euch zur Seite mich begraben, bis uns all die Englein grüßen." Während Ursula diese Worte recht von Herzen sprach, sahen die Jungfrauen sie mit rechter Liebe an, und jede zog ihr Ringlein vom Finger, und sie flochten sie ineinander wie eine Kette und zogen Blumen durch, daß es eine Krone ward; die setzten sie der Ursula auf das Haupt und sangen: "So viel Ringe, so viel Bräute;so viel Bräute, so viel Messer; so viel Messer, so viel Herzen; so viel Herzen, so viel Wunden; ach, du arme Braut von heute! Ach, dir geht es auch nicht besser; ach, du hast die bittern Schmerzen alle bald wie wir empfunden." Da krähte aber der Hahn, und sie schwebten über die Wiese weg. Ursula fühlte sich ruhiger, sie sah an dem blauen Himmel die Sterne an, und da glänzte das Gestirn, das man den großen Bär nennt, ihr besonders tröstlich in das Herz. Da gedachte sie recht innigst an ihre verstorbenen Eltern, den Fürsten Ursus und die Fürstin Ursa von Bärwalde, welche sie nie gesehen hatte, und sprach: "Ach, mein geliebter Vater und meine liebe teure Mutter, ich habe euch nie gekannt, aber ich liebe euch doch wie ein frommes Kind; oh, verlaßt mich nicht in meiner tiefen Angst; schaut auf euer armes Töchterlein; ich will ja alles ruhig ertragen, was über mich bestimmt ist." Als sie diese Worte recht von Herzen gesprochen hatte, sieh, da war es, als wenn die zwei Sterne am Himmel zusammenstießen und als wenn einer davon in den Schoß der guten Ursula herabfiele. Aber sie fand nichts. Fünfzig Messer in einer Scheide reitet Jerum auf die Freite: Schürz dich, Braut! zur Hochzeitreite." So schrecklich das auch klang, konnte Ursula doch nicht mehr erschrecken; sie stand in wunderbarer Schönheit auf dem Felsen, gerade dem häßlichen Pumpelirio Holzebock gegenüber, und als der König Jerum heransprengte, wehte sie ihm mit ihrem Tüchlein entgegen. Und da die Reiter mit den Fackeln um sie her standen und Jerum von ihrer wunderbaren Schönheit und ihrer schönen Hochzeitskrone, die ihr die Geisterfräulein geflochten hatten, ganz geblendet zu ihr hinritt, streckte sie die Hand gegen ihn aus und sprach: "O Jerum, Jerum, sei willkomm!Nimm deine Braut und werde fromm! Im Baum, da schreien die Raben; ach, wären wir ehrlich begraben! Drum sollst du mir erst versprechen - willst du mich auch erstechen - begrab mich und die Mägdelein in einem kühlen Lindenhain, unter den grünen Rasen, wo fromme Lämmer grasen, wo ein klarer Bronnen kömmt an das Herz geronnen, ein Kreuz steh in der Mitten: Da will ich ruhn zu Füßen und für den Mörder bitten wenn mich die Englein grüßen, daß ihn in Zorn und Schrecken der Herr nicht mög erwecken." Als sie diese liebseligen Worte sprach, schüttelte sie ihr Haupt, und die Ringlein klingelten in der Krone, und in der Luft hörte man singen: "Fort von hier, von hierio,weit vom Pumpelirio, weit vom Holzebocke. Hübsch mit Kreuz und Glocke, Chorgesang und Posaunenspiel, gibt uns Ruh und kost' nicht viel!" Dem Jerum ging das durch Mark und Bein; er zitterte, daß ihm die Messer in der Scheide tanzten, und schrie mit verzweifelter Stimme gegen Ursula: "Was sein soll, das muß geschehn,nichts kann dem Geschick entgehn. Ach, ich möchte nicht und muß! Oh, ich armer Jerumius!" Da knackte auf einmal der Pumpelirio Holzebock so gewaltig, als wolle er in der Mitte auseinanderplatzen, und Jerum riß die arme Ursula vom Felsen und faßte sie in der Mittenund schwang sie auf sein Roß, hei, wie sind sie geritten nach Munkelwust ins Schloß. Mehrere Wochen war Ursula schon die Gemahlin des bösen Jerum, und sie war so gütig und so fromm und so schön und so mild, daß er ganz tiefsinnig wurde und über sein böses Leben nachdachte. Ach, seine Stadt Besserdich lag ihm immer im Sinn. Ursula sprach immer von Besserdich, aber er schämte sich, gedemütigt an den Ort zurückzukehren, wo er immer ein übermütiger Herr gewesen war, und wurde dann oft plötzlich von Zorn und Wut überfallen und ritt im Land herum und tat viel Böses. 'Ach', dachte dann Ursula, 'wenn mir Gott ein liebes Kind schenkte, das ihm freundlich wäre, vielleicht würde sein wildes Herz gerührt werden, wann es ihn freundlich anblickte und ihm seine kleinen Hände entgegenstreckte.' Sie betete darum immer sehr fleißig zu Gott, und wenn sie abends allein am Fenster saß und den wilden Jerum von seinen Streifereien zurückerwartete, so blickte sie immer nach dem Gestirn des großen Bären und dachte ihrer verstorbenen Eltern, und streckte die Hände gen Himmel: 'Ach, wenn ich nur ein Kind hätte!' Den einzigen Trost hatte sie in ihrem elenden Leben, daß die armen Leute aus Bärwalde die Bedrückung des Jerum leichter zu ertragen schienen, seit die liebe Tochter ihres ehemaligen Fürsten bei ihnen war. Auch tat sie, wo sie konnte, ihnen Gutes und redete ihnen freundlich zu. Das traurigste aber war ihr, daß Jerum niemals erlaubte, daß sie an Fanferlieschen schreibe, und daß er schon einige Boten dieser ihrer einzigen Freundin hatte ermorden lassen. Als sie nun einstens Abends einsam und traurig am Fenster saß und auf Jerum wartete, der seit mehreren Tagen nicht mehr heimgekehrt war, war der Himmel ganz trüb und ihr liebes Gestirn nicht zu sehen. Und wie sie so an den wilden Bergwänden hinaufblickte, hörte sie wieder jenen traurigen Gesang, und die weißen Jungfrauen zogen ums Schloß herum und sangen sehr traurig: "Im Baume schrein die Raben;ach, wären wir ehrlich begraben! Fort von hier, von hierio, weit vom Pumpelirio, weit vom Holzebocke. Hübsch mit Kreuz und Glocke, Chorgesang, Posaunenspiel, gibt uns Ruh und kost' nicht viel." Worauf sie verschwanden. Da nahm sich Ursula fest vor, nicht zu ruhen noch zu rasten, bis die Fräulein begraben wären. Bald darauf hörte sie wilden Hörnerklang und sah die Fackeln durch den Wald reiten und hörte den wilden Gesang von Jerums Zug: "Juch! juch! Über die Heide!Fünfzig Messer in einer Scheide." Sie eilte hinab an das Tor, ihren Gemahl zu empfangen, aber er sprengte so wild herein, daß sie das Pferd gegen die Treppe schleuderte. Als Jerum absteigen wollte, raffte sie sich auf und hielt ihm den Steigbügel. Er redete aber nicht freundlich mit ihr und bat sie nicht um Vergebung. Finster stieg er die Treppe hinauf, und die arme Ursula folgte ihm nach. Er setzte sich auf seinen Stuhl und redete kein Wort; sie konnte es vor Jammer nicht mehr aushalten und warf sich vor ihm auf die Knie und weinte und sprach: "Ach, mein Gemahl, was hab ich dir zuleide getan?" Er antwortete nicht. "O ich Unglückliche", rief sie, "ich hatte mich so auf deine Heimkehr gefreut, ich hatte dich recht innig bitten wollen: Du möchtest begraben die Mägdeleinin einem kühlen Lindenhain - - -" Weiter konnte sie vor Tränen nicht sprechen; sie legte ihr Haupt in seinen Schoß, und als die Ringe in ihrer Krone so rasselten, zitterte Jerum am ganzen Leibe. Plötzlich faßte er mit seiner Hand an ihr Ohr und schrie wie erschreckt: "O wahr, wahr, wahrlich, wahr!du mußt auch zu der Schar, Bärin Ursula, der Schuß! - O ich armer Jerumius." "Was fehlt dir, lieber Jerum", sagte Ursula, "daß du so traurig redest?" Da erwiderte er: "Nichts, mein Weib; aber stehe auf, wir wollen gleich dahin gehen, wo die Mägdelein sollen begraben werden; ich habe den Lindenhain gefunden, ich will dir ihn zeigen." Das sagte er so kalt, daß Ursula zitterte und sprach: "Ach Jerum, hast du mich ein bißchen lieb:Jetzt nicht, jetzt nicht, der Himmel ist trüb." Er aber sprach: "Nur fort! Nur fort! Der Himmel grau,der ist so recht zur Totenschau." Da zog er sie zum Schloß hinaus und zog mit ihr den Weg hinauf nach dem Pumpelirio Holzebock. Da sprach sie: "Ach Jerum! Ach! kein Lindenhainwird auf dem Weg zu finden sein." Er aber sprach: "Nur fort! Und ist's kein Lindenhain,so finden wir doch Totenbein." Da weinte Ursula sehr und klammerte sich an ihn und sprach: "Ach Jerum! Ich flehte zum Himmelsthron,daß Gott uns schenk' einen kleinen Sohn." Er aber zerrte sie weiter den Berg hinauf und sprach: "Nur fort! Nur fort! Es heult der Wind,er wiegt der Bärin ihr schwarzes Kind." Da sie aber oben waren, ging der Mond ganz blutig auf, und Ursula sprach: "Ach Jerum! Der Mond ist blutig rot.Ach Jerum! Stich mich heut nicht tot." Er aber sprach: "Nur fort! Das ist der Abendschein,er scheinet in den Lindenhain." Da kamen sie den Berg hinauf auf die öde Heide, und Ursula sprach: "O Jerum! Wie die Wolken fliehn,wie sie so wild vor dem Monde ziehn." Er aber sprach: "Nur fort, das sind die Lämmer klein,sie ziehen nach dem Kirchhof dein." Und immer riß er sie weiter fort, ach! daß die Dornen ihr Röcklein zerrissen, und Ursula sprach: "O Jerum! Die Dornen zerreißen mich,kehre um, ich bitte dich!" Er aber sprach: "Nur fort, es ist der Rosenhain,er schließet rings den Kirchhof ein." Und nun kamen sie an den dürren Baum, wo der Pumpelirio Holzebock stand, und Ursula sprach: "Ach Jerum! Das ist der dürre Baum,das ist der wüste, öde Raum, das ist der Pumpelirio Holzebocke, ach! hörst du, wie die Raben schrein?" Er aber sprach: "Hier ist der kühle Lindenhain,hier läutet deine Glocke, hörst du, wie der Neuntöter schreit? Du mußt sterben, halt dich bereit!" Da sank sie auf die Knie und sprach: "Ach Jerum! Sag mir doch, warumbringst du deine arme Ursula um?" Da sprach er: "Weil du nur eine Bärin bist,die mich betrog mit böser List. Bei Besserdich gleich an dem Tor schoß ich den Pfeil dir durch das Ohr. Die Narbe habe ich gefühlt, als ich mit deinen Locken spielt'. Und jetzo muß ich dich erstechen, um Fanferlieschens Schwur zu brechen. Mach fort! Mach fort! Der Neuntöter schreit, sterben mußt du, halt dich bereit!" Ursula kniete nieder, um zu beten, und Jerum suchte eins von seinen fünfzig Messern heraus und fing es an zu wetzen. Wie Ursula die Hände gegen Himmel hob und betete, sah sie plötzlich das Gestirn des großen Bären erscheinen, und es zuckte wieder wie damals, als sie zuerst hier betete, und es fiel wieder wie ein Stern in ihren Schoß nieder. Da war sie auf einmal wunderbar getröstet und stand auf und sprach: "Herr, ist dies der Lindenhain,wo ich soll begraben sein? Sag, wo ist der kühle Bronnen, der zum Grabe kömmt geronnen?" Jerum sprach da: "Aus der Brust soll er dir springen,wenn ich werd das Messer schwingen." Da griff er nach dem Messer, das er geschliffen und neben sich gelegt hatte, aber fort war es; er konnte es nicht mehr finden. Da sagte er zu Ursula: "Bete nur noch ein wenig." Sie kniete nieder und betete fort. Er nahm ein anderes Messer und wetzte es und legte es wieder hin und rief: "Mach fort! Mach fort! Der Neuntöter schreit,sterben mußt du, halt dich bereit!" Ursula nahte sich still und sprach wieder: "Herr, ist dies der Lindenhain,wo ich soll begraben sein? Sag, wo ist der kühle Bronnen, der zum Grabe kömmt geronnen?" Da sprach er wieder: "Aus der Brust soll er dir springen,wenn ich werd das Messer schwingen." Aber das Messer war wieder fort. Er konnte das nicht begreifen und ließ sie wieder beten und wetzte wieder. Und sie kniete hin und betete für den Jerum recht von Herzen. Er rief wieder: "Der Neuntöter schreit,halt dich bereit!" Sie nahte wieder mit denselben Worten, das Messer war wieder fort, und so ging das, bis neunundvierzig Messer fort waren. Da hielt Jerum das fünfzigste Messer fest in der Hand und schwang den Arm und wollte es ihr in das Herz stoßen; aber auf einmal hielt er ein und tat einen lauten Schrei und ließ den Arm sinken, denn es flog ein Messer vom Himmel herunter auf seinen Arm und stach ihm die Hand durch und durch, und wo er hinfloh, fielen Messer auf ihn und verwundeten ihn hier und dort. Ursula lief auf ihn zu und umarmte ihn und bedeckte ihn mit ihren Armen; aber die Messer fielen überall auf ihn, bis sie alle heruntergefallen waren. Da hörte man die Hörner von Jerums Gefolg, da leuchteten die Fackeln heran. Sie zogen aus, ihren Herrn zu suchen, und fanden ihn mit Wunden bedeckt, und Ursula, die ohnmächtig bei ihm lag. Seine Diener waren sehr erschrocken, sie zogen ihm die Messer aus den Wunden, verbanden ihn, so gut sie konnten, und brachen Äste von dem dürren Baum, auf welche sie ihn und Ursula legten und nach Haus brachten. Dabei sangen sie: "Juch! juch! Über die Heide!Fünfzig Messer in einer Scheide, fünfzig Messer in Mannes Leib, durch Ursula, das böse Weib." Über ihnen aber flog der Neuntöter und schrie sehr heftig, und neben dem Zug schwebten die weißen Jungfräulein über die Erde hin und sangen: "Fünfzig Messer in Mörders Leib,ihr könnt nicht retten sein treues Weib." Das alles war sehr betrübt. Erd und Himmel sind von Stein! Ach, kein Mond, kein Sternenschein, und kein Lüftlein grüßt herein, und es singt kein Vögelein; weh, weh, ganz allein!" Da sprach eine Stimme zu ihr mit freundlichem Tone: "Erschrick nicht, liebe Ursula, ich bin da; erinnerst du dich wohl des Vogels, dessen Junge du von dem Marder durch einen Steinwurf befreitest und mit dem du deinen Kuchen teiltest, da du durch den Wald nach Munkelwust reistest?" und wäre Erd und Himmel von Stein und schiene kein Mond, kein Sternenschein, und grüßte ihn kein Lüftlein, und sänge ihm kein Vögelein: Wird doch in seinem Herzen rein der liebe Gott stets bei ihm sein." Da setzte sich Ursula an die Erde und legte ihren Kopf gegen die harte Steinwand und streckte die Hand aus und sprach: "Komm, lieber Vogel, setze dich auf meine Hand; ach, du bist fromm, und ich will Gott vertrauen, und wäre mein Elend noch so groß." Da flog der Vogel auf ihre Hand, sie zog sie an sich und drückte ihn an ihre Wangen, die er sanft mit den Flügeln streichelte. "Deine Flügel sind ja naß", sprach Ursula. "Ja, liebe Ursula", sagte der Vogel, "ich habe sie in kühles Quellwasser getaucht und habe flatternd dein Gesicht hiermit gesprengt, damit du aus der Ohnmacht erwachest." - "Oh, wie gut bist du", erwiderte Ursula, "was bist du denn für ein Vogel?" - "Frage nicht", sagte der Vogel, "ich habe einen häßlichen Namen." Da erwiderte Ursula: "Sage ihn mir nur, du hast dich so gut gegen mich gezeigt, ich will dich lieben, und wärest du auch ein Neuntöter." - "Der bin ich", sagte der Vogel, "und höre nun alles still an, denn ich habe noch viele Geschäfte für dich." - "Erzähle", sagte Ursula, "ich unterbreche dich nicht wieder!" Da sprach der Neuntöter also: "Du weißt, nach dem Tode von Jerums Vater, dem guten König Laudamus, führte Fanferlieschen wie gewöhnlich ihre Waisenkinder zu dem Hirsenmusfest auf die Eselswiese. Der böse Jerum wollte den Kindern, statt ihnen wie sein verstorbener Vater Zucker und Zimmet auf den Brei zu streuen, Gift drauf streuen lassen, damit sie alle sterben müßten, weil er wußte, daß die Erbin von Bärwalde dabei sei, welches Ländchen er gern gehabt hätte. Ich Unglücklicher war der Kammerherr von Neuntöter und sollte das Gift auf das Mus streuen; da erschien der Geist des verstorbenen Laudamus und verwandelte mich zur Strafe in einen Neuntöter, und als ein solcher Vogel habe ich bis jetzt im Walde gelebt. Du kannst dir denken, wie es mich rührte, daß du, die ich dich doch auch mit den andern vergiften wollte, mir so große Wohltaten erwiesest; und seit dieser Zeit habe ich nie wieder von andern lebendigen kleinen Vögeln gelebt, was sonst die Art der Neuntöter ist, sondern ich habe mir große Gewalt angetan und habe nur schädliche Fliegen und Würmer und Samen von Unkraut gefressen. Immer habe ich mich gesehnt, dir für deine Wohltaten dankbar werden zu können, und endlich habe ich die Gelegenheit gefunden. Ich flog oft um das Schloß Munkelwust und belauerte alles. Da habe ich denn auch gehört, wie Jerum zu seinem alten Diener sprach, als er das letzte Mal nach Hause ritt: 'Rüste alles zum Empfange der Königin Würgipumpa im Schlosse zu. Morgen kömmt sie hier an, ich bin schon mit ihr vermählt. Heute nacht steche ich die Ursula bei dem Pumpelirio Holzebock tot.'" Wer weckt sein Mütterlein aus dem Schlaf? Bist du es, lieber Ursulus? Komm, gib der Mutter einen Kuß!" Da rief Ursulus hernieder: "Leb wohl, leb wohl, lieb Mütterlein!Der blanke Mond, der Sternenschein, und Berg und Tal und Wies und Fluß, die ziehn mich fort, ich muß, ich muß." Da sah die Mutter ihn mit Schrecken oben auf dem Turm. Sie sprang auf und wollte die Leiter hinauf zu ihm, aber sie fand sie nicht, denn er hatte sie zu sich hinaufgezogen. Da war Ursula gar betrübt und bat ihn, er möge die Strickleiter wieder herablassen, sie wolle ihn noch einmal an ihr Herz drücken. Er aber sagte: "Mutter, ich fühle, dann könnte ich Euch nicht verlassen; der Vogel soll Euch oft von mir Nachricht bringen, und so Gott will, sehn wir uns in Freuden wieder." - "Aber wie willst du dann hinunterkommen?" rief die Mutter hinauf. "Ich habe mir alles ausgedacht", antwortete er, "daneben am Turm kömmt der Rauchfang aus der Küche herauf, da hänge ich die Strickleiter hinein und werde Küchenjunge. Da bin ich immer in deiner Nähe; und wenn ich an der Mauer anpoche, dann lasse mir einen Faden auf dem Bächlein, das durch den Turm in die Küche fließt, herüberschwimmen, da werde ich dir etwas dranbinden, das kannst du zu dir ziehen. Leb wohl, Herzensmutter; es muß, es wird alles besser werden." - "O Gott, o Gott, mein Kind!" rief die Mutter und sank auf die Knie und weinte. Ursulus aber stieg durch den Rauchfang hinab in die Schloßküche. Die Mutter lauschte an der Wand, und sie konnte ihn klettern hören. Da pochte er mit der Feuerzange siebenmal, und sie nahm geschwind einen Faden, band einen Holzspan dran und ließ ihn hinüberschwimmen. Als Ursulus den Span fühlte, band er einen Blumenstrauß dran, den der Koch am Fenster stehen hatte, worüber sich die Mutter sehr erfreute. Als Ursulus den Tag grauen sah, versteckte er sich hinter das Holz bei der Küchentüre, und als der Koch in der Küche zu wirtschaften anfing, trat er hervor, als sei er zur Tür hereingekommen, und grüßte den Koch sehr freundlich. Dieser fragte ihn, wer er sei und wo er herkomme. Ursulus sagte, daß seine Mutter im Walde von Räubern sei umgebracht worden und daß er als ein armes verlassenes Kind Dienst suche. Dem Koch gefiel der freundliche schöne Knabe, und er nahm ihn zu sich als Küchenjunge. Wenn nun der Koch nicht da war, klopfte er immer der lieben Mutter, und wenn dann der Faden angeschwommen kam, band er ihr etwas Gutes zu essen dran und immer schöne Blumen dazu. Als aber der Hofmarschall einmal in die Küche kam und den wunderschönen Ursulus sah, gewann er ihn sehr lieb und sprach: "Morgen früh halte dich bereit, ich will dich zum König Jerum bringen; du sollst Edelknabe bei ihm werden." Da dankte ihm Ursulus höflich. Am Abend aber war er voller Sorge, wie er seiner Mutter nur sagen solle, daß er aus der Küche heraus in das Schloß komme. Da ging er in den Küchengarten und suchte Blumen und band einen Strauß Vergißmeinnicht, und da kam der Neuntöter zu ihm und dem gab er den Strauß für seine Mutter und sprach zu ihm: "Lieber Vogel, sage meiner Mutter, daß ich Edelknabe werde, und besuche mich manchmal und erzähle mir von ihr." Der Vogel sagte leise: "Gott helf dir, ich bleibe dein Freund" und nahm den Strauß und flog in den Turm. Am folgenden Morgen ward Ursulus zu dem König Jerum gebracht. Als dieser ihn sah, ward er recht innerlich in seinem Herzen bewegt, denn Ursulus glich seiner Mutter sehr, und da gedachte der Jerum an sie und an seine Grausamkeit. Er fragte ihn: "Wie heißt du?" Da sagte Ursulus: "Kommtzeitkommtrat." Der Name machte den Jerum recht nachdenklich, aber er nahm ihn gleich zu sich und erzeugte ihm sehr viele Liebe und ließ ihn alles lehren, was nur auf der Welt zu lernen war. Jerum hatte keine Kinder, und Ursulus war ihm so lieb, so lieb; er wußte nicht, warum. Deswegen konnten ihn aber die meisten andern Diener nicht leiden, und vor allem die böse Königin Würgipumpa hatte immer einen innern Zorn, wenn sie ihn sah. Ursulus aber wurde von den Untertanen Jerums sehr geliebt, denn Jerum war lange nicht mehr so wild, seit der Knabe bei ihm war, und er besserte sich alle Tage. Wenn nun Ursulus allein war in der Nacht, so kam immer der Neuntöter und pickte am Fenster; da machte Ursulus auf, und der Vogel setzte sich auf sein Bett und erzählte ihm, was die Mutter im Turm mache, und Ursulus erzählte ihm wieder, wie es ihm gehe und wie Jerum viel besser sei als sonst, und schickte ihr immer viel gute Sachen und allerlei Bildchen und Ringe, die ihm der König schenkte. Ach, da ward die arme Ursula recht froh in ihrer Einsamkeit und weinte vor Freuden und betete zu Gott. So lebte er eine Zeitlang fort und hatte sein größtes Vergnügen dran, in seinen Freistunden durch die ganze Gegend herumzuschweifen. Einstens aber kam er in einen Wald zu einem eisgrauen Schäfer; der saß an einem Brunnen unter grünen Linden, und seine Lämmer weideten um ihn her. Er setzte sich zu ihm; es war so still und kühl, und die Sonne schien so freundlich durch die Bäume. Der Schäfer war traurig, und Ursulus sagte zu ihm: "Lieber Schäfer, dieses Plätzchen hier wäre recht schön, um die Gebeine der armen Fräulein hin zu begraben, die jetzt bei dem bösen Pumpelirio Holzebocke herumliegen." Der Schäfer sagte: "Was sind das für Fräulein?" Da erzählte ihm Ursulus alles, was ihm die Mutter gesagt, und der Schäfer sagte: "Ach Gott, da war mein Töchterlein auch dabei!" und war sehr betrübt. "Ach", sagte Ursulus, "wenn du hier recht schöne Gruben machen wolltest, alle recht schön in einer Reihe, und wolltest Blumen hineinstreuen, und wolltest um den Platz herum einen Zaun von Rosen machen, so wollte ich dir treulich helfen, und wollten wir die armen Fräulein hier zur Ruhe bringen." Der alte Schäfer war alles zufrieden, und sie fingen gleich an zu hacken und zu graben, bis Ursulus wieder nach Hause mußte. Aber er kehrte oft wieder, und der alte Schäfer war recht fleißig, so daß alles bald in Ordnung war. Eines Abends kam der gute Vogel zu Ursulus und fand ihn sehr nachdenklich. "Lieber Vogel", sprach er, "ich habe etwas Großes unternommen und weiß nun nicht, wie ich es ausführen soll. Ich habe einen stillen freundlichen Ort, um die Gebeine der armen Jungfrauen hin zu begraben; alles ist fertig und bereit, jetzt hilf mir das Begräbnis anstellen." Da sprach der Vogel: "Ich will alles tun, was ich kann, sorge nur für Kreuz und Glocke und für Posaunenspiel und Chorgesang; bringe das morgen nacht mit zum Pumpelirio Holzebock, so soll alles gut gehen." Ursulus sagte: "Gut, das will ich; nun grüße die Mutter und erzähle ihr alles." Da flog der Vogel fort. Am andern Morgen, als bei Hof noch alles schlief, sang ein Rotkehlchen am Fenster des Ursulus, und es war ihm, als höre er die Worte: "Lieber Schläfer, weck den Schäfer!" Da sprang er vom Lager und eilte zu dem Schäfer, und sie redeten alles miteinander ab. In der nächsten Nacht schlich sich Ursulus aus dem Schloß. Der König Jerum konnte nicht ruhen, er hatte eine große Angst im Herzen; er stand allein auf, wickelte sich in seinen Mantel und ging dem Schloß hinaus. Er wollte zu dem Pumpelirio Holzebocke gehn und ihn fragen, ob er bald wieder seine Stadt Besserdich erhalten würde, denn er hatte ein rechtes Heimweh. Er war seit jener schrecklichen Nacht, da die Messer auf ihn regneten, nicht mehr hingegangen. Als er an dem Ort vorüberkam, wo er den zwei Dienern befohlen hatte, die Ursula umzubringen, konnte er vor Bangigkeit nicht weiter; er lehnte an einen Baum und wünschte, nie geboren zu sein; da hörte er auf einmal ein wunderbares Tönen sich nahen und sah eine Reihe von Lichtern über das Feld herziehen. Der Anblick war so wunderbar, daß er sich an den Baum andrückte. Jetzt war es ganz nah, er sah den kleinen Ursulus vorausgehen mit einem Kreuz von Rosen; dann flogen eine ungeheure Menge Vögel, welche allerlei Gebeine trugen; dann kam der alte Schäfer und blies eine sehr bewegliche Weise auf der Schalmei und weinte bitterlich; hinter ihm schwebten alle die Gestalten der armen Mägdelein, die Jerum umgebracht hatte, und sangen: "Endlich, endlich schweigen die Raben,endlich werden wir ehrlich begraben weit von hier, von hierio, weit vom Pumpelirio, weit vom Holzebocke, hübsch mit Kreuz und Glocke, mit Chorgesang, Posaunenspiel, gibt uns Ruh und kost' nicht viel." Und nun schlossen die Schäflein des alten Hirten den Zug; sie gingen still und paarweise hatten alle Glöcklein anhängen, und nur dann und wann blökten sie gar traurig; an beiden Seiten des Zugs aber zogen zwei Reihen von großen Irrlichtern, welche leuchteten. Als der Zug vor Jerum vorüberging, war alles ganz still, und das betrübte ihn noch weit mehr. Da der Zug aber ganz in der Ferne war, nahm Jerum seine Streitaxt und rannte mit großem Zorn nach dem Orte, wo der Pumpelirio Holzebock stand, und sprach zornig zu ihm: "Du böser gottloser Pumpelirio! du hast mich zu allen meinen großen Verbrechen beredet; um deinetwillen habe ich alle die lieben Jungfrauen ermordet; nun sollst du auch nicht länger leben." Da holte Jerum weit mit seiner Axt aus und, paff! hieb er den Pumpelirio mitten voneinander. Aber es fuhr ein schwarzer Rauch aus den Trümmern, und aus dem Rauch ward ein ungeheurer scheußlicher Bock, der sah den Jerum mit schrecklichen Augen an, meckerte abscheulich die Worte heraus: "Den Pumpelirio konntest du zerschlagen, aber den Holzebock nie." Dann ging er einige Schritte zurück, beugte den Kopf nieder, rannte gewaltig gegen Jerum, faßte ihn auf die Hörner und warf ihn weit, weit in das Feld hinaus, wo er wie tot niederfiel. Er hatte schon zwei Stunden so dagelegen, als Ursulus von dem Begräbnis zurück nach Hause ging und auf einmal über den König Jerum stolperte. Der Knabe fühlte bald an der Krone, daß es Jerum sei. Er rüttelte und schüttelte ihn und benetzte ihn mit seinen Tränen. Da wachte der König Jerum wieder auf; aber er konnte nicht gehen, er hatte sich ein Bein gebrochen. Da lief Ursulus ins Schloß und holte die Diener; die trugen ihn nach seinem königlichen Bett, und der Doktor verband ihn, und die Königin sprach: "Das kommt davon, wenn man zu nachtschlafender Zeit herumrennt." Ursulus aber verließ das Lager des Königs nie, und dieser gewann ihn immer lieber. Einstens nahm der Jerum die Hand des Ursulus und sagte: "Lieber Junge, erzähle mir, wo habt ihr dann die Gebeine der armen Fräulein begraben?" Da erzählte ihm Ursulus von dem kühlen Lindenhain und dem Brunnen und dem alten Hirten und seinen Schafen und sagte: "Herr König, es wäre sehr schön, wenn Ihr ein Kirchlein dort bauen ließet." - "Ja", sagte der König, "aber wenn es die Königin erfährt, so bin ich verloren; ich habe ihr zuschwören müssen, nie eine Kirche zu bauen. Wenn du es recht heimlich zustande kriegst, so bin ich es zufrieden und will dir gerne Geld dazu geben; und baue auch ein kleines Häuslein dabei, worin ein armer Mann wohnen kann." Ursulus dankte dem Jerum herzlich für seine Erlaubnis und setzte sich nun hin und zeichnete allerlei Gestalten von Kirchen, um sich eine auszusuchen; auch redete er oft mit Maurern und Steinmetzen. Die böse Königin Würgipumpa, welche immer einen heimlichen Haß auf den Ursulus hatte, wurde täglich grimmiger gegen ihn und nahm sich fest vor, ihn auf eine oder die andere Art ins Unglück zu bringen. Wenn sie nun bei Ursulus vorüberging und ihn fragte: "Was hast du denn zu bauen vor, du naseweiser Bursche, daß du immer mit Zirkel und Lineal herumziehst?", so antwortete Ursulus gewöhnlich: "Schlösser in die Luft, Ihro Majestät!" Als er ihr dies öfter gesagt hatte, ward sie über die Maßen zornig und sprach zu ihm: "Ich werde dich bei dem Wort halten." Sie ging zum König und kniete vor ihm nieder und bat ihn um eine Gnade. Jerum war eine solche Demut von ihr gar nicht gewohnt und sagte ihr alles zu, was sie verlange. Da sprach sie: "Jerum, ich verlange, daß jeder deiner Diener, der mich belügt und der nicht das tut, was er mir sagt, daß er tue, des Todes sterbe." Jerum gab ihr sein königliches Wort und seine Hand drauf, und an demselben Tage noch ward das Gesetz in ganz Munkelwust bekanntgemacht: "Wer lügt, der stirbt!" Als die Königin das unterschriebene Gesetz in der Hand haltend von dem König wegging, sah sie den Ursulus im Vorzimmer wieder allerlei Linien ziehen und allerlei Zirkel schlagen. Da fragte sie ihn gleich.- "Ursulus, was willst du bauen?" Er antwortete wieder: "Schlösser in die Luft, Ihro Majestät!" Da erwiderte aber Würgipumpa sehr heftig, indem sie ihm das königliche Gesetz vorhielt: "Wer lügt, der stirbt!" Sie lief gleich zum König zurück und verklagte den Ursulus. Der König ließ diesen rufen und sprach mit Tränen zu ihm: "Ursulus, du mußt ein Schloß in die Luft bauen oder sterben." meine Baumeister zusammenläuten." Da fing er an zu klingeln, klingling, klingling, und es kamen eine Menge große Vögel herbeigeflogen: Adler und Geier und Falken, und auch mancherlei kleinere: Tauben und Finken und Amseln und Stare, kurz, alle möglichen Vögel; worüber sich der König und die Königin sehr verwunderten. Da sprach Ursulus: "Willkommen, ihr Meister und Gesellen,ich will einen Bau in die Lüfte stellen, nun schafft einen schönen Grund herbei, worauf mein Werk zu richten sei!" Da flogen die Adler weg und brachten auf einmal eine große starke Pappe getragen, auf welcher von Moos eine schöne Wiese ausgelegt war, aus der allerlei grüne Zweige als Bäume hervorragten. Nun sprach Ursulus: "Eine schöne Kirche bauet mir,ein hoher Turm sei ihre Zier." Da flogen wieder viele Vögel fort und brachten allerlei einzelne Stücke von einer sehr schönen papiernen Kirche und einem hohen Turm und setzten alles das auf der Mooswiese zusammen, so daß es wunderlieblich anzuschauen war. Als aber alles fertig war, brachte auch der Kreuzschnabel einen kleinen Altar und ein Kreuz hineingetragen, und der Dompfaff trug eine kleine Kanzel hinein, und eine Amsel, wie ein schwarzer Kantor, brachte eine kleine Orgel hinein. Dann flogen ein paar Nachtigallen als Sängerinnen hinein und eine Menge Finken und Grasmücken als Choristen. Da begannen allerlei Glöckchen im Turm zu läuten, und in der Kirche fingen die Vögel so lieblich an zu singen und zu klingen, als wenn der feierlichste Gottesdienst drin gehalten würde. Darüber ward der König Jerum ganz gerührt und umarmte den Ursulus mit den Worten: "Kommtzeitkommtrat, wie schön hast du dein Gebäude erbaut." Würgipumpa aber hatte alles mit dem entsetzlichsten Zorne angesehn und geriet in eine solche Wut, daß sie einen Stein von dem Altan nahm und nach der Kirche warf; aber auf einen Wink des Ursulus flogen die Vögel mit dem schönen Bau über ihrem Haupt hinweg, und da bei dieser Gelegenheit einiger Schmutz auf die Königin herabfiel, wollte sie erzürnt den kleinen Ursulus schlagen; aber der König nahm ihn in seine Arme und sprach: "Würgipumpa, wer nach den Bauleuten mit Steinen wirft, dem antworten sie mit Kalk." Da ging die Königin erzürnt nach ihrer Kammer. Der König Jerum aber hatte den Ursulus noch viel lieber als vorher und ließ in dem Lindenhain, wo die Jungfräulein begraben waren, eine Kirche bauen, ganz nach der Gestalt der Kirche, die Ursulus in die Luft gebaut und welche die Vögel zu dem Schäfer im Lindenhain getragen. Alles das erzählte Ursulus dem Neuntöter, und der Neuntöter der Ursula, so daß diese sehr erfreut wurde, daß Jerum so gut werde, und herzlich in ihrer Einsamkeit dem lieben Gott dafür dankte. Die Königin Würgipumpa aber sah nun ein, daß sie mit ihrem Zorn gegen Ursulus gar nichts mehr ausrichtete, weil der König ihn zu sehr liebte, und fing deswegen an, ihm auf alle mögliche Weise zu schmeicheln und schönzutun. Heimlich aber dachte sie immer auf eine Gelegenheit, ihn in Lebensgefahr zubringen. Sie wußte, daß der Pumpelirio Holzebock dem Jerum, als er ihn fragte, wann er seine Stadt Besserdich wieder erhalten werde, sprechend: "Pumpelirio Holzebock,sag mir doch, wann wird Jungfer Fanferlieschen Schönefüßchen länger nicht vertreiben mich? Wann kehr ich nach Besserdich?" geantwortet hatte: "Fanferlieschen blind,ein unschuldig Kind Besserdich gewinnt." Das ging der Würgipumpa immer im Kopf herum, und sie dachte hin und her, wie sie den Kommtzeitkommtrat brauchen wolle, um Junger Fanferlieschen blind zu machen. Weil sich aber Jerum so sehr verändert hatte, getraute sie sich nicht, ihm ihr Vorhaben gradheraus zu sagen, und sprach einstens zu ihm: "Lieber Jerum, ich glaube, du könntest doch einmal bei Jungfer Fanferlieschen fragen lassen, ob sie dir deine Stadt nicht wiedergeben will; du bist jetzt so fromm und gut, daß sie es dir gewiß nicht abschlagen wird." "Ach", sagte Jerum, "so gut werde ich niemals, daß ich wieder verdiene, auf dem Throne meines frommen seligen Vaters zu sitzen." - "Ja", erwiderte Würgipumpa, "darüber magst du nun denken, wie du willst; aber du bist es der Stadt schuldig, denn Jungfer Fanferlieschen kann der Regierung nicht länger vorstehen: Soeben habe ich die Nachricht erhalten, daß sie blind geworden." Hier sah Jerum die Königin erschrocken an und sprach zu ihr: "Würgipumpa, lasse mich allein; ich muß über das, was du mir gesagt, nachdenken." Die Königin ging, und Jerum fiel in tiefe Gedanken. Der Spruch des Pumpelirio: "Fanferlieschen blind,ein unschuldig Kind Besserdich gewinnt" fiel ihm ein, und er war in der größten Unruhe, ob er nicht nach Besserdich hinziehen sollte. Als er aber dachte, wie der böse Holzebock ihm allzeit zum Bösen geraten hatte, entschloß er sich anders. Er ließ den Ursulus zu sich kommen und die Königin und sprach: "Da ich gehört, wie die weise und fromme Jungfer Fanferlieschen blind ist, so ist mein sehnlicher Wunsch, daß sie wieder sehend werde, damit sie die guten Leute in Besserdich noch länger so treu regiere, als sie es bis jetzt getan. Ich begehre euern Rat, wie dies zu machen sei." Ursulus fing an zu weinen, als er das Unglück der Jungfer Fanferlieschen hörte, von welcher seine Mutter ihm so viel Gutes erzählt hatte. Würgipumpa aber sprach: "Ich habe immer gehört, daß nichts so gut für die Augen sei als Schwalbenkot: Wenn es möglich wäre, daß Jungfer Fanferlieschen diesen in die Augen brächte, so würde sie gleich geheilt sein. Kommtzeitkommtrat ist ja mit den Vögeln so gut Freund, mit seinen Baumeistern, daß er ihr ein wenig von dem Kalke könnte ins Auge fallen lassen, der neulich bei dem Luftbau auf mich niederfiel. Ich muß sagen, daß ich meine Augen seit jener Zeit sehr gestärkt finde." - "Ach", erwiderte Ursulus, "wenn das möglich wäre, ich wollte die guten Vögel sehr darum bitten." - "Wohlan, mein Geliebter", sprach der König, "wenn es dir gelingt, sollst du begehren von mir, was du willst, ich will es dir halten." Nach diesen Worten gingen sie auseinander. Die böse Würgipumpa wußte wohl, daß man von Schwalbenkot blind werde, und sie dachte: 'In jedem Falle werde ich den verhaßten Knaben los; denn wenn Fanferlieschen ihn erwischt, so läßt sie ihn umbringen, und sie erwischt ihn gewiß, weil sie wohl weiß, daß sie sterben muß, wenn sie blind wird, denn es steht im Zauberkalender; so läßt sie sich immer streng bewachen.' Ursulus saß in seiner Kammer und lauerte auf den Neuntöter. Pick, pick, pick, da war er am Fenster. Ursulus öffnete und erzählte seinem Freund alles, was er von dem König und der Königin gehört. Der Neuntöter ward sehr nachdenklich darüber und bauschte seine Federn am Kopf einigemal auf, als ob er sehr zornig sei. "Was machst du für wunderliche Gesichter?" fragte Ursulus. "Nichts, nichts", sagte der Vogel, sich beruhigend, um zu überlegen. "Gut, ja, ja, morgen früh will ich dir sagen, was du zu tun hast", und fort flog er. Am andern Morgen war er richtig wieder da und sprach: "Auf, auf, Ursulus! Mache dich auf die Reise; du hast einen weiten Weg nach Besserdich." Da sprang Ursulus aus dem Bett, zog seine Reisekleider an und machte sich auf den Weg. Der Vogel aber flog immer vor ihm her, um ihm den Weg zu zeigen. nahm mir meiner Augen Licht." Ursulus wollte grade zu ihr hinauflaufen und ihr Glück wünschen; aber ein niederfallender Pantoffel schlug ihm so auf die Nase, daß er betäubt niedersank. Als er erwachte, lag er in Ketten und Banden in dem allerdunkelsten Kerker. Er wußte nicht, wie ihm geschehn, er tappte an den Wänden herum, er rief, er klagte, er weinte; ach! da erinnerte er sich der Worte, die er vor dem Pantoffelfall gehört: "Der, den mein Pantoffel trifft,nahm mir meiner Augen Licht." Das fuhr ihm recht durch Mark und Bein. "Ach" sagte er, "die Würgipumpa hat mich betrogen; statt Fanferlieschen zu helfen, habe ich sie blind gemacht; o ich unglücklicher Ursulus." Als er so in Jammer und Klagen saß, sprang auf einmal ein eiserner Fensterladen auf, und das gute Fräulein Neuntöter flog zu ihm. Sie ließ ein kleines Büchlein auf seinen Schoß fallen und hatte eine Wurzel im Schnabel, die legte sie zu seinen Füßen, und saß auf seiner Schulter und streichelte ihn mit ihren Flügeln und tat sehr mitleidig. Ursulus dankte ihr und klagte seinen Jammer. Da blätterte sie mit dem Schnabel in dem Büchlein herum und winkte ihm, zu lesen. Das tat Ursulus und fand, daß es die Geschichte des frommen Tobias war, und als er las, daß der auch durch eine Schwalbe blind geworden, ward er seines Unglücks gewiß und weinte noch mehr. Aber Fräulein Neuntöter blätterte noch mehr im Buche, und da las er weiter, daß der Sohn des Tobias seinen Vater wieder mit der Galle eines Fisches geheilt habe. "Ach Gott im Himmel", sagte er, "hätte ich einen Tropfen dieser Galle, wie selig wollte ich sein, wenn ich die gute Jungfer Fanferlieschen wieder heilen könnte." Da hielt ihm der Vogel die Wurzel an die Schlösser seiner Fesseln, und siehe da, sie fielen ihm ab, und hielt sie an das Schloß der Kerkertüre, und sie sprang auf. Da machte Ursulus die Türe wieder zu, weil es noch Tag war, und wartete bis zur Nacht. Dann nahm er Abschied von dem lieben Vogel, sagte ihm tausend Dank, und durch die Berührung der Wurzel sprangen alle Türen und Tore auf, und so ging er traurig zur Stadt hinaus in lauter Angst und Trauer, wie er nur die Galle von dem Fische finden sollte; und so lief er immer in den wilden Wald hinein, und kein Mensch wußte damals, wo er hingekommen war. hörst du deine Totenglocke?" Da trat auf einmal sein Freund, der alte Schäfer, hinter einem Baum hervor und nahte seinem Pferd und sprach: "O lieber Ursulus, tue doch dem Pumpelirio Holzebocke nichts, wenn du den Pumpelirio umbringst, so muß ich sterben, denn wir sind in einer Stunde geboren." Da rief Ursulus: "In einer Stunde geboren,in einer Stunde verloren; der Holzebock muß sterben, sonst muß Fanferlieschen verderben. Tritt aus dem Weg zur Seiten, sonst muß ich dich überreiten" Der Schäfer aber wollte nicht aus dem Weg, da machte Ursulus die Augen zu und ritt den Schäfer über den Haufen. Da flog der Vogel zu Ursulus und sagte ihm: "Gott segne dich, das war der Pumpelirio selber." Da ritt er weiter, hielt wieder an und rief wieder, an das Schild schlagend: "Pumpelirio Holzebocke,hörst du deine Totenglocke?" Da stürzte auf einmal der König Jerum ihm in den Weg und hielt ihm den Zügel des Pferdes und sprach wie der Schäfer: "Tue dem Pumpelirio nichts, sonst muß ich sterben." Aber Ursulus schrie wieder: "Tritt aus dem Weg zur Seiten,sonst muß ich dich überreiten" und machte die Augen wieder zu und ritt den König über den Haufen. Da kam der Vogel wieder zu Ursulus und lobte ihn sehr, daß er sich nicht irremachen ließ. Denn dieser Jerum war wieder nur der verstellte Holzebocke. Als Ursulus zum dritten Male auf das Schild schlug und den Pumpelirio rief, ach! welche Gestalt trat ihm da in den Weg, wer kniete vor seinem Pferd? Niemand anders war es als seine Mutter Ursula. Sie rang die Hände und rief aus: "Mein Sohn, mein Sohn! Wenn du dem Pumpelirio etwas tust, so muß ich sterben." Ach, bei diesem Anblick brach dem Ursulus das Herz, und schon wollte er umwenden, da stieß der Vogel das Pferd mit seinem Schnabel in die Seite, und das rannte auch diese Gestalt des Pumpelirio über den Haufen, welcher ganz zornig, daß es ihm nicht gelungen war, den Ursulus zu betrügen, nun in Gestalt eines ungeheuern schwarzen Bocks auf ihn zukam und ihn fragte "Ei, was willst du, Ursulus?"Da sagte dieser: "FanferlieschenSchönefüßchen, die ich wieder heilen muß." Da sagte der Bock wieder: "Pumpelirio biet dir Trutz,Holzebocke machet Stutz." Und nun rannte der Bock auf ihn zu und stieß seinen weißen Schimmel über den Haufen, daß er tot niedersank, und die Lanze, mit welcher Ursulus nach dem Bock gestochen, zerbrach. Die guten Vögel aber hatten alle die neunundvierzig Messer, welche sie schon einmal auf den Jerum geworfen hatten, schon auf einem Baum zurechtgelegt und ließen sie eins nach dem andern auf den Holzebock fallen. Er machte sich nichts draus, denn sie blieben alle in ihm stecken, und jedes ward ein Horn, so daß er endlich wie ein Stachelschwein aussah. Ursulus hatte sich vom Pferde geschwungen und schlug mit seinem Schwerte auf den Holzebock, aber das zerbrach, und Ursulus ward über den Haufen gerannt. Da bedeckte er sich mit seinem Schilde, und der Bock trampelte mit Füßen auf ihm herum. Das tat dem Fräulein Neuntöter so leid, daß sie dem Bock zwischen die Hörner flog und ihm die Augen aushackte, worüber er erschrecklich zu meckern anfing. Nun griff Ursulus unter dem Schild hervor und faßte den Bock beim Bart und zog das Messer hervor, das ihm seine Mutter gegeben, und stach es dem Holzebock ins Herz. Da machte er noch einen Seitensprung und fiel tot nieder. "Gott sei Dank!" rief Ursulus und raffte sich von der Erde auf: "Ach, wo ist nun Fanferlieschen Schönefüßchen, die ich nun gleich heilen muß?" Da sagte ihm der Neuntöter, daß sie gleich hier in einer Höhle liege und schlafe. Ursulus lief in die Höhle, da lag Fanferlieschen tot auf einer steinernen Bank. Ursulus glaubte, sie schlafe, aber sie war nicht zu wecken, da klagte er Jammer und Not. Überdem kam der Vogel und sagte: "Ursulus, das Blut vom Holzebock ist auf dein Pferd gespritzt, da ist es wieder lebendig geworden." Da nahm Ursulus gleich von dem Blut und bestrich die Fanferlieschen damit. Da wurde sie wieder lebendig, und nun bestrich er ihr die Augen mit der Fischgalle, da ward sie wieder sehend. Ach, wie glücklich war da Ursulus, auch sie weinte vor Freuden und drückte ihn an ihr Herz. "Geschwind wollen wir nun zu Jerum", rief sie, "denn der ist in großer Angst." Da setzte sie der Ursulus hinter sich auf sein Pferd und ritt mit ihr nach der Kirche. Da war große Not und Kummer, denn es war die Nachricht gekommen, daß die Königin Würgipumpa tot mit einem Stich im Herzen auf ihrer Stube gefunden worden sei und daß ihr die Augen aus dem Kopf gesprungen seien. Der König aber vergaß bald seine Betrübnis, da Ursulus und Fanferlieschen angeritten kamen. Er küßte der Fanferlieschen das schöne Füßchen und hob sie vom Pferd und küßte den Ursulus viel tausendmal. Da sagte Fanferlieschen: "Es ist mir lieb, Jerum, daß du dich gebessert hast; aber wo ist Ursula, meine Pflegetochter, zeige mir sie, daß ich sie umarme." Bei diesen Worten riß sich der König die Haare aus und schrie: "Weh, weh! Ich Elender, ich bin ein Mörder und bleib ein Mörder." - "Ja", sagte Fanferlieschen, "das bist du, und deswegen sollst du lebendig in den Turm vermauert werden, in welchen du die gute Ursula hast mauern lassen." - "Von Herzen gern", sagte Jerum, "will ich sterben, wo sie gestorben ist, bringet mich hin." Da brachte man ihn an den Turm und gab ihm eine Hacke. Alle standen traurig um ihn her und sahen, wie der arme Jerum für sich selbst den Turm aufbrechen mußte. Er tat allen Abbitte, die er beleidigt hatte, er bat Fanferlieschen tausendmal um Verzeihung und bat sie, mit Ursulus sein Land zu regieren. Ach, und als er diesen ansah, wollte ihm das Herz zerreißen. Er umarmte ihn und sprach: "Du brachtest mich zum rechten PfadKommtzeitkommtrat, daß ich dich nie mehr wiederseh, das tut mir weh, o weh, o weh!" Ursulus aber sprach: "Kommtzeitkommtrat, dein Diener, spricht:Meinen Herrn und König verlaß ich nicht. Ich geh mit dir ins Grab hinein, ich denk, es wird uns wohl drin sein." Da nahm er auch eine Hacke, und sie arbeiteten zusammen, und der König Jerum sagte, sooft ein Stein herausgebrochen war: "Lieb Ursula so still und fromm,o freue dich, ich komm, ich komm." Und dann hielt er immer wieder ein und umarmte den Ursulus und bat ihn, zurückzubleiben. Ursulus aber sagte beständig: "Ich geh mit dir ins Grab hinein,ich denk, es wird uns wohl drin sein." Und da arbeiteten sie immer drauflos, und sie waren schon bis an die wollene Decke gekommen, welche Ursula rings im Turme herum gespannt hatte, da ließ Jerum die Hacke sinken und sprach: "Lieb Ursula so still und fromm,o freue dich, ich komm, ich komm." Und alle, die umherstanden, weinten bitterlich. hast du deiner Ursula Fuß." Und Jerum sank zur Erde und küßte ihren Fuß und legte sein Haupt nieder und setzte den Fuß Ursulas auf sein Haupt und sprach: "Der Unschuld Fuß auf Schlangenhaupt,selig, wer da liebt und glaubt." Da streckte Ursula ihre schöne Hand hervor und sprach: "Da, Jerum, hast du meine Hand,leg deine drein zum Liebespfand." Da sprang Jerum auf und küßte die Hand und benetzte sie mit Tränen und sprach: "O Engelshand, o segne mich,nie mehr, nie mehr, beleidig ich dich!" Da steckte Ursula den Kopf durch die Decke und rief: "O Jerum, küsse meinen Mund,da sind wir alle beid gesund." Ach, da riß Jerum die Decke nieder und sank an das Herz der Ursula, und Ursulus auch und Fanferlieschen auch, und alle Schmerzen waren vergessen, und alles Böse war verziehen. Der Himmel war blau und heiter, die Zuschauer aber sanken auf die Knie und beteten. Als sie sich ein wenig erholt hatten, sagte Ursula zu Jerum: "Sieh, das ist dein Sohn Ursulus!" Oh, da war Jerums Freude von neuem groß. Neben der Ursula aber stand der Vogel Neuntöter wieder in den Kammerherrn von Neuntöter verwandelt, und seine Gattin war wieder die Hofdame von Neuntöter, und der Junker war ein Edelknabe, und das Fräulein Neuntöter stand so schön, so blond und schlank mit niedergeschlagenen Augen vor Ursulus, daß er vor sie hin trat und sprach: "Oh, mein schönes Fräulein! Ihnen verdanke ich die Befreiung aus dem Kerker durch die Springwurzel und das Tobiasbüchlein und die Fischgalle, und Sie haben dem Holzebocke die Augen ausgehackt, wie lohne ich Ihnen?" Als Jerum und Ursula und Fanferlieschen dieses hörten, legten sie die Hände der beiden zusammen und sagten: "Ihr sollt Mann und Frau sein." Darüber waren beide glücklich. Alle aber zogen nun nach der Kirche und dankten Gott, und Fanferlieschen sagte. "Gott sei Dank, Jerum, daß der Holzebock und Würgipumpa tot sind. Sie waren Geschwister und meine größten Feinde, aber sie wußten nicht, daß eines mit dem andern sterben mußte. Jetzt lasset uns alle nach Besserdich ziehen und in Tugend und Ehren das Land regieren." Jerum aber sprach: "Ich bin das Glück nicht wert, nur die Unschuld soll regieren, die Schuld aber soll Buße tun. Ich bleibe hier bei dem alten Schäfer und büße ewiglich." Da setzte er seine Krone auf das Haupt des Ursulus, und Ursula setzte ihre Krone auf das Haupt der Fräulein Neuntöter, welche auch Ursula hieß, und sprach: "Auch ich will hier bleiben und beten." Darüber ward das Herz des armen Jerums so gerührt, daß es mitten entzweisprang und Jerum starb. Oh, da war Weinen und Wehklagen. Und sie begruben ihn zu Füßen eines Kreuzes bei dem Brunnen, und Ursula sang, und aus allen Gräbern der Jungfräulein sang es mit. schön wär's wohl, doch kann's nicht sein. Ich bin nur ein guter Geist, der so durch das Leben reist. Liebe Gott, das ist gescheiter', also sprachst du, und zogst weiter." "Richtig", sagte Fanferlieschen, "so war es, und du hast meinem Rat gefolgt, drum werd ich dich im Himmel wiedersehen." Da sank der Schäfer tot an die Erde, und Fanferlieschen flog durch die Lüfte davon und ließ ihre Pantoffeln niederfallen. Die fing die Gemahlin des Ursulus auf und war gleich so schön und lieb und klug als Fanferlieschen. Sie kamen nach Besserdich und regieren gut bis dato. |
||||||||||||||||||
|
This web site is a part of the following projects: CopyrightedBy.com, Märchen Sammlung. Back to the topic sites: CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/B/Brentano Märchen Sammlung/Startseite/maerchen/maerchen_d External Links to this site are permitted without prior consent. Publication List: Baron Hüpfenstich Das Märchen von dem Myrtenfräulein Der Bauer und sein Sohn Die Hand der Jezerte Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl | ||||||||||||||||||
| deutsch | Set bookmark | Send a friend a link | Impressum | ||||||||||||||||||